Bei uns gibt's keine Zuckerkugeln

Seit ich einen Hund habe, hat sich die Anzahl der medizinischen Ratschläge aus medizinisch ungebildetem Munde drastisch erhöht. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich erst auf Facebook aktiv bin, seit ich einen Hund habe. Und Facebook ist ja bekanntlich eine Goldgrube für vollkommen unqualifizierte Meinungen und Weisheiten.

Seit ich beschloss zu züchten, wurde die Geschichte dann richtig absurd. Kaum ein Gespräch mit anderen Hundehaltern vergeht, ohne dass mir nicht die ein oder andere homöopathische Wunderkur empfohlen wird.

Pulsatilla D 6 verhindert angeblich Kaiserschnitte, Arnica D2 wird eine Frühgeburt abwenden und Aurum hilft bei aggressiven Mutterhündinnen, aber nur, wenn sie ihre Welpen aus Dominanz beißen. Wenn die Mutter ihre Welpen hingegen beißt, weil sie berührungsempfindlich ist, dann muss auf jeden Fall Belladonna gegeben werden.

Meistens lächle ich einfach und wechsle das Thema. Denn wenn ich offen zugebe, dass ich keinerlei homöopathische Mittel verabreiche, wird oft mit Unverständnis, gar Entsetzen reagiert. Wie kann ich meinem Hund die so dringend benötigte Hilfe verwehren? Der Nicht-Einsatz von Homöopathika scheint bei so manchem Facebook-Nutzer auf gleicher Ebene zu liegen wie das Töten von Kindern. Oder zumindest das Ertränken von kleinen Kätzchen. Auf jeden Fall aber ist es tierschutzrelevant und ich werde schon sehen, was ich davon habe, wenn meine Welpen alle antibiotikaresistent werden (und ja, das war ein echter Vorwurf, über den ich sehr schmunzeln musste).

Warum gebe ich also keine homöopathischen Mittel?

Grundsätzlich müssen wir erstmal unterscheiden über was für Mittel wir hier reden.

a) über homöopathische Mittel in hoher Potenzierung (=stark verdünnt)

b) über homöopathische Mittel in niedriger Potenzierung (=wenig verdünnt)

Hochgradig verdünnte Mittelchen haben chemisch gesehen keinerlei nachweisbaren Wirkstoff mehr. Die Potenz D60 (Verdünnung von 1:10hoch60) kann man sich vollgendermaßen vorstellen: Ein Tropfen Wirkstoff auf Milliarden von Galaxien. Nein, eigentlich kann man sich das nicht vorstellen. Gehen wir also zur nächstniedrigeren Potenz D30. Diese Verdünnung entspricht dem Auflösen eines Zuckerstückchens in einer Wassermenge, die in tausend Erdkugeln Platz hat. Oder wie Bernd Hader es so schön ausdrückte "In keinem Restaurant wird Ihr Glas von den Spuren des vorigen Getränks und des vorigen Trinkers so perfekt befreit wie ein Fläschchen Belladonna D30 von Belladonna."

Kurz ausgedrückt: In diesen Verdünnungen ist kein Wirkstoff mehr drin. Punkt. Das von Homöopathie-Gläubigen oft beschworene "Gedächtnis des Wassers" wurde mittlerweile wissenschaftlich so oft widerlegt, dass man genauso gut behaupten könnte, die Welt sei eine Scheibe. Es wäre einfach dumm. Keine seriöse Studie hat jemals eine Wirksamkeit dieser Wundermittel nachweisen können.

Wenn ich bei Diskussionen die Wirksamkeit dieser Verdünnungen anspreche kommt übrigens mit schöner Regelmäßigkeit eine Erzählung darüber, wie der Hund des Nachbarn/ die eigene Oma / mein Gegenüber aber doch schon so tolle Erfahrungen damit gemacht hat. Diese Erzählungen haben allerhöchstens anekdotischen, aber keinen wissenschaftlichen Wert.

Spannend ist dann auch die Reaktion darauf, wenn ich den Placebo-Effekt ins Spiel bringe. "Aber MEIN Hund hat vorher die Welpen immer gebissen und eine Stunde nachdem ich Zaubermittelchen XY gegeben habe, hat sie sich in die beste Mama aller Zeiten verwandelt. DAS war doch kein Placebo-Effekt !!Einself!!"

Wer so argumentiert beweist nur, dass er überhaupt nicht verstanden hat, was der Placebo-Effekt eigentlich ist. Unser Körper besitzt nämlich immense Selbstheilungseffekte, die durch den reinen Anschein einer Medikation geweckt werden können. Ein Placebo-Effekt ist keine eingebildete Heilung. Die Besserung ist objektiv messbar und real. Eine großartige Sache! Wirklich toll. Und überhaupt kein Stück verwerflich. Und wer jetzt behauptet bei Tieren könne es keinen Placebo-Effekt geben, der darf gerne mal "Placebo by Proxy" googlen und sich eines Besseren belehren lassen.

Haben wir also festgestellt, dass die hochgradig verdünnten Mittelchen nicht besser wirken (und auch nichts Anderes sind) als eine Zuckerpille.

Fairerweise muss man zugeben, dass ja nicht jedes Mittel so stark verdünnt wird. Und wenn man jetzt mal von einigen wirklich hochgiftigen Niedrigpotenzen (Quecksilber in D1 zum Beispiel) absieht, bleibt ja noch eine Reihe an Wirkstoffen die in eine ungiftigen aber nachweisbaren Konzentration ihren Weg ins Globuli finden.

Die könnte ich aber dann doch jetzt meinem armen, vernachlässigten Hundetier geben, damit es glückselig gedeihen möge.

Nein, kann ich nicht.

Und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Alles, was eine Hauptwirkung hat, kann Nebenwirkungen haben. Ist ´ne Tatsache. Die angeblich so "sanften und nebenwirkungsfreien" Tinkturen und Globuli der Homöopathie haben schon Menschen und Tiere das Leben gekostet. Kann man ebenfalls nachlesen.

Und die Homöopathie liefert bis heute keine ordentlichen Wirksamkeitsnachweise - geschweige denn Zulassungsprozesse, bei denen Nebenwirkungen untersucht werden. Anstatt dessen wird auf irgendwelchen Hokuspokus-Schulen nie geprüftes "Wissen" weitergegeben und im Endeffekt der Patient mit einem Mittel in Pi-mal-Daumen Dosierung gefüttert.

Das ist mir schlicht zu gefährlich.

Ich folge daher folgender Strategie. (Bei mir, bei meiner Familie, bei meinen Hunden):

- Weniger ist mehr, und nicht jeder Schnupfen verlangt nach einem Antibiotikum.

- Wenn wirklich ein Medikament erforderlich ist, dann wird ein ordentliches, getestetes und wirksames Mittel nach Empfehlung eines Arztes verabreicht.

- Wenn kein "echtes" Medikament notwendig ist, dann helfen ein Schal, eine Tasse Tee und jede Menge Schmuseeinheiten bestimmt besser als jedes homöopathische Zaubermittel.

Bleibt die Frage: kann ich einen Homöopathie-Anwender überhaupt ernst nehmen?

Ja, kann ich. In dem gleichen Maße wie ich Christen, Moslems oder Buddhisten ernst nehme. Ich akzeptiere Menschen mit ihrem Glauben - auch wenn es nicht mein eigener ist. Nur versucht nicht, mich von eurem Hokuspokus zu überzeugen und lasst euren Missionierungseifer daheim.

In diesem Sinne, bleibt gesund

Eure Maria


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