Wozu braucht ein Hund Papiere?

Von Welpenkäufern hört man immer wieder die Frage, wozu denn ein Hund Papiere bräuchte. Die Ahnentafel sei total überflüssig und als normaler Hundehalter könne man damit nichts anfangen. Sie kostet ja nur extra...

Gerade von Wald- und Wiesenvermehrern wird dann oft irgendein VDH-Rassehund aus dem Hut gezaubert, der auch schon im Alter von X Jahren gestorben ist und ganz dolle krank war. Dem haben die Papiere auch nichts genützt. Nachbars Lumpi hingegen, der von einem Bauernhof kommt, der ist ja uralt geworden und war auch immer fit und gesund. Klar, die ganzen Verrückten auf den Schönheits-Ausstellungen, die brauchen das vielleicht, aber wenn man doch nur einen Familienhund will?

Wozu also diese Papiere? Und warum sind Hunde aus einer seriösen VDH-Zucht meist deutlich teurer als der Mischling vom Bauernhof? Und welche Hunde bekommen überhaupt Papiere?

Also erstmal bekommt jeder Welpe aus einer anerkannten VDH-Zucht (VDH, das ist der Verein fürs deutsche Hundewesen) Papiere. Die Legende, dass nur die schönen oder zuchttauglichen Welpen Papiere bekommen ist Unsinn.

Die sog. "Papiere" sind im Wesentlichen eine Ahnentafel (auch Pedigree genannt), auf der über 4 Generationen die Vorfahren den Hundes aufgelistet sind. Je nach Rasse werden für jeden Hund auch noch einige Gesundheitsdaten und ggf. Championtitel aufgelistet. Ausserdem enthält sie Informationen über den Wurf (z.B. ob Geschwister totgeboren sind, wie viele Geschwister der Hund hat etc) und eigene Gesundheitsuntersuchungen, sofern erforderlich.

Bei unserer Amy sieht das so aus:

Seite 1: Rasse, ausstellender Rasseclub mit Wappen,Zuchtverband

Seite 2/3: Doppelseitig alle Vorfahren der letzten 4 Generationen mit Angaben zu: Zuchtverband, Farbe, HD, Erblichen Augenkrankheiten und MDR1 (und teilweise Körklasse und Championtitel)

Seite 4: Wurfdaten (Rüden, Hündinnen, geboren, Totgeburten, bis Wurfmeldung verstorben, Besonderheiten), Alle Welpen des Wurfes mit Zuchtbuchnummer und Farbe, Angaben zur Wurfabnahme, Angaben über eigene Würfe, HD-Ergebnis mit Auswertstelle, Augenuntersuchungen, sonstige Untersuchungen (MDR1), Röntgenuntersuchungen, Zuchteinstufung

Der normale Hundebesitzer benötigt natürlich diese ganzen Angaben nicht im selben Maße wie der Züchter. Aber sie sind für ihn der Nachweis darüber, das mit gesunden Hunden gezüchtet wurde und die Richtlinien des VDH eingehalten wurden.

Und diese Richtlinien sind das, was für Welpenkäufer interessant sein sollte.

Im Wesentlichen beinhalten sie:

1. Züchter im VDH müssen sich regelmäßig fortbilden und Prüfungen durchlaufen. Sie müssen in einer Prüfung beweisen, dass sie sich ganz allgemein mit Hunden und im speziellen mit ihrer Rasse auskennen. Das bezieht sich nicht nur auf den Vermehrungsakt, sondern auch auf Welpenaufzucht, gezielte Förderung, typische Krankheiten der eigenen Rasse und dergleichen mehr.

2. Die Zuchtstätte selber muss bestimmten strengen Kriterien entsprechen. Sie wird geprüft und abgenommen. Bei Collies gibt es zum Beispiel Mindestanforderungen an Größe des Raums, bauliche Beschaffenheit und vieles Weitere. So wird sichergestellt, dass die Welpen nicht in einem völlig reizarmen, unbeheiztem Schuppen zur Welt kommen und im Dunkeln aufwachsen. Der Zuchtwart überprüft auch, ob die Elterntiere gepflegt und gesund sind und unter guten Bedingungen leben.

3) Verschiedene Experten prüfen die Zuchttauglichkeit der Elterntiere. Natürlich kann auch Nachbars Lumpi ein toller Hund sein, aber ein Laie kann viele zuchtausschließende Fehler kaum beurteilen. Dabei geht es nicht nur um Schönheit oder ein korrekt knickendes Ohr. Es geht um Fehler im Knochengebäude, korrekte Winkelungen der Beine, Schädelformen, korrekte Gebisse und vieles mehr. Einige gesundheitliche Untersuchungen sind vorgeschrieben um typischen Rassekrankheiten vorzubeugen. Beim Collie sind das HD, verschiedene Augenkrankheiten und MDR1. Außerdem findet ein Wesenstest statt.

Gebrauchshunde müssen dazu noch eine Arbeitsprüfung ablegen. All diese Tests haben zum Ziel nur vollständig gesunde und wesensfeste Hunde in die Zucht zu nehmen und damit auch gesunde Nachkommen zu haben.

4) Der Züchter muss bestimmten Vorgaben folgen, die nach Rasse unterschiedlich sind. Ein Beispiel am Collie: Wenn man die wunderschönen Blue-Merl farbenen Collies untereinander verpaart, bekommt man fast pigmentlose Collies (die sog. weißen Collies). Das Problem ist, dass die Nachkommen solcher Verpaarungen mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 % taub sind und oft noch vor der Geschlechtsreife sterben. Daher sind solche Verpaarungen bei seriösen Rassehundvereinen als Qualzucht verboten. Unseriöse Vermehrer hingegen nehmen die Quote von ein paar toten und kranken Welpen oftmals in Kauf für eine Sonderfarbe, die dem unwissenden Welpenkäufer für ein Vielfaches des Normalpreises verkauft wird.

Die Ahnentafel ist nichts mehr und nichts weniger als der Garant dafür, dass der Züchter diesen Vorgaben folgt und regelmäßig kontrolliert wird.

Das alles ist natürlich erstmal teurer als eine Zucht ohne jede Kontrolle und Regeln. Aber es dient langfristig der Gesundheit der Welpen und der Rasse.

Langfristig dürften die Tierarztkosten wegen einer Behandlung von Hüftdysplasie auch teurer sein als die Preisdifferenz zum gesunden Welpen.

Natürlich heißt das nicht, dass der VDH-Welpe niemals krank wird, dass es nicht auch trotz aller Kontrollen schwarze Schafe gibt oder dass einige Rassen trotzdem in die falsche Richtung gezüchtet werden. Aber diese Garantie kann einem nie irgendjemand geben. Auch nicht der freundliche Vermehrer von nebenan.

Im VDH ist nicht alles Gold und es ist ungemein wichtig, die Diskussion um Zuchtziele und Haltungsbedingungen auch öffentlich zu führen. Aber der Weg zu gesünderen Rassehunden führt nicht über die Abkehr von Kontrollgremien sondern über strengere Auflagen und Transparenz in der Zucht.

Wenn einem Hundekäufer das alles überhaupt nicht wichtig ist, sollte er sich die Frage stellen, warum es denn überhaupt ein Rassehund sein muss? Die Tierheime sind voll von tollen, netten Hunden, die dringend ein Zuhause suchen. Aber man sollte sein Geld dann nicht irgendwelchen profitgeilen Vermehrern in den Hals werfen, nur weil der Welpe ohne Papiere dort ein paar Hundert Euro weniger kostet.

#Zuchtgeschehen #Zuchtziel #VDH

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